INDIEN

#BORN WITH PRIDE

Vikramaditya Sahai spricht über die zwei entscheidende Entwicklungen bis zum Transgender Persons (Protection of Rights) Act von 2019.

Transgender-Personen (oder kurz Trans) fühlen sich durch das Transgender-Gesetz von 2019 legal entrechtet. Diese Form der Entrechtung ist keine Entwicklung, die in Indien erst seit der Gegenwart zu beobachten ist. Vielmehr liegen die Ursprünge der Diskriminierung bereits im Erbe des britischen und französischen Kolonialismus in Indien. Trans wurden als medizinischer Fall (im Sinne von Berufsunfähigkeit) eingestuft und bei dem Versuch, die sogenannten Hijra-Gharana (Eunuchenhäuser oder Häuser von Transgender-Menschen) zu kontrollieren, wurden Jungen offiziell „gerettet". Französische Ärzte erklärten Trans-Sein, Nicht-Binär-Sein oder Drittes-Geschlecht-Sein zu einem bio-medizinischen Problem. Nach diesem kolonialen Verständnis ist Trans-Sein nicht eine Form der „geschlechtsspezifischen Identität", sondern Frage von Abstammung und Verwandtschaftsgrade. Einer der bekanntesten Fälle in der Geschichte war Queen Empress vs. Khairati von 1884. Khairati, die biologisch männlich war, sich aber als Frau identifizierte, wurde wegen Transvestitismus und „gewohnheitsmäßiger Sodomie" vor Gericht gestellt. Sie wurde letztendlich freigesprochen, aber es wurde ein Präzedenzfall für die Belästigung von Transgender-Personen geschaffen. Dies war der erste Fall, der nach Paragraph 377 des indischen Strafgesetzbuchs angeklagt wurde und sexuelle Handlungen „gegen die Natur" unter Strafe stellte. Erst 2018 wurde die Anwendung von Paragraph 377 in Bezug auf den einvernehmlichen homosexuellen Sex zwischen Erwachsenen für verfassungswidrig erklärt.

Vikramaditya Sahai hat einen Postgraduiertenabschluss in Politikwissenschaften der Universität Delhi. Zuvor arbeitete sie als Dozentin in der Abteilung für Geschlechterstudien der Ambedkar-Universität in Delhi und als Beraterin für ein Projekt zur Untersuchung von sexueller und geschlechlicher Identität am Advanced Centre for Women Studies, TISS, Bombay.

Das sogenannte NALSA-Urteil (National Legal Services Authority vs. Union of India) aus dem Jahr 2014 war hingegen eine wegweisende Entscheidung des Obersten Gerichtshofs von Indien. Es führte erstmalig das dritte Geschlecht für Transgender-Menschen ein. Artikel 14 der indischen Verfassung verbietet jede Form von Diskriminierung aus Gründen der ethnischen Herkunft, der Kaste und des biologischen Geschlechts, während eine Kategorie der geschlechtlichen Identität hingegen fehlt. Von vielen wird der Transgender Persons (Protection of Rights) Act, von 2019, in Indien selbst, aber auch international als ein Rückschritt gegenüber dem NALSA-Urteil von 2014 betrachtet. Besonders ist zu kritisieren, dass Macht nur dann als solche verstanden wird, wenn es zu Missbrauch und Übergriffen kommt. Genau aus diesem Grund werden Fragen eines ungerechten Machtverhältnisses im Trans-Gesetz auf Maßnahmen gegen Missbrauch und Übergriffe reduziert. Indem sexueller Missbrauch von Einzeltätern kriminalisiert wird, scheinen dann auch alle Machtfragen geklärt zu sein. Meiner Meinung nach bleibt dann aber ein Machtvakuum bestehen. Ungelöst ist schließlich das größte Problem, dass der Staat selbst der größte Verletzer des Trans-Gesetzes in Indien ist. Welche Bedeutung kann ein menschenrechtsbasierter Diskurs erzielen, wenn der Staat selbst derjenige ist, der laufend gegen ein wichtiges Gesetz verstößt? Aus diesem Grund müssen wir während des Pride-Monats unsere Gespräche dringend mit einem neuen Ansatz führen: Weg alleine von Fragen der Strafverfolgung und Kriminalisierung von Tätern hin zu Empowermentfragen, wie wir Freiheit und Gleichheit von Trans-Personen in der Gesellschaft fördern können.

MEHR ÜBER DIE MENSCHENRECHTSARBEIT DER FRIEDRICH-NAUMANN-STIFTUNG FÜR DIE FREIHEIT FINDEN SIE AUF:

humanrights.freiheit.org